Alles Profis ;-)
Treffen mehrere Männchen der Gattung "Homo Sapiens Musikus" aufeinander, besonders in Mainstream*1 Bands, beobachtet man oft ein immer wiederkehrendes Verhalten Einzelner: Sie mutieren*2 fast augenblicklich zu Profis. Besonders ausgeprägt bei jenen, welche Melodieinstrumente spielen.

Sänger bilden eine kleine Ausnahme, denn ist es bei ihnen genetisch veranlagt, ein extrovertierter*3, egozentrischer*4 und erotisch attraktiver Adonis*5 zu sein, und über angeborenes musiktheoretisches Wissen sowie überdurchschnittliches Talent zu verfügen. Sie können also nichts dafür, eine Laune der Natur.

Aber richten wir unsere Aufmerksamkeit nun hauptsächlich auf die wirklich virtuosen Instrumentenspieler: Die Gitarristen. Bei ihnen ist es nicht angeborenes Wissen und Verhalten, sondern es resultiert aus jahrzehntelang studierten und fundierten Fachkenntnisse, sowie ein antrainiertes transzendentales*6 Gespür für Klänge. So ist es nicht verwunderlich, dass "Notenlesen? Kein Problem!" und "Das spiel ich vom Blatt!" zu ihren Standardsätzen gehören. Es sollte vermieden werden, einen Gitarristen darauf hinzuweisen, dass es falsch sein könnte. Denn ihre hilfsbereite Art und freundlich belehrenden Ausführungen können mitunter schon ein wenig Zeit beanspruchen. Denn es ist nie falsch gespielt, sondern je nach Situation immer musikalisch richtig interpretiert. So sind sie eben.

Unglaublich beeindruckend, und immer mit größter Bescheidenheit, ist die blitzartige Anwendung ihrer Kenntnisse. So wissen sie nicht nur, dass zum Beispiel Maj7-Akkorde natürliche Vierklänge sind, auf welcher Stufe sie in den verschiedenen modalen Tonarten auftreten, aus welchen Tönen sie bestehen, wie man sie greift, oder als Arpeggien spielt (und alles abgeleitet von einer einzigen Position der Pentatonik-Skala, welche als Geheimlehre eines großen Meisters gelehrt wurde), sondern sie können auch den Klang im Geiste präzise hören und haben sofort ein breites Spektrum von Einsatzmöglichkeiten parat.

Allerdings leiden sie sehr unter den aufkommenden Missverständnissen zwischen anderen, nicht so befähigten Musikern. Um nur ein paar wenige aber häufige Beispiele und Äußerungen zu nennen:
  • "Im nächsten Song spiele ich kein Solo."
    Leider erkennen andere Musiker nicht den Unterschied zwischen begleitenden / unterstützenden Melodien und ausdrucksstarkem rein solistischen Melodiespiel.

  • "Beim Solo wurde meine Gitarre zu leise abgemischt."
    Ein Solo gehört nun einmal in den Vordergrund, was viele nicht immer verstehen, und zusätzlich auch andere Instrumente hören möchten.

  • "Ein Stimmgerät benötige ich nicht."
    Von allen Musikern haben Gitarristen das beste Gehör und Klang-Gedächtnis. Dies wurde schon vor 100 Jahren wissenschaftlich bewiesen. Somit kann es immer nur an der schlechten Qualität des Equipment oder der Unfähigkeit anderer liegen.

  • "Merkwürdig, heute morgen konnte ich es noch."
    Unter allen Musikern haben Gitarristen eine schier unerschöpfliche Disziplin, und lernen daher immer mehr als andere. Allerdings sind sie auch nur Menschen, und können einen schlechten Tag haben. Das bedeutet nicht, dass sie es nicht können.
Ein weit verbreitetes Vorurteil anderer Musiker ist auch, dass Gitarristen nur Equipment-Fetischisten*7 seien, und mehr Wert auf die Vielfalt von Effektgeräten, E-Gitarren, Verstärkern, usw. legen, und deswegen weniger Verständnis für die Musik an sich haben, oder umgekehrt. Wahrscheinlich daraus entstanden, dass Gitarristen sich über nichts anderes unterhalten (wie auch zu 98% in den Foren im Internet). Aber dem ist nicht so. Fallstudien haben eindeutig bewiesen: Gitarristen sind die besseren Musiker. Für sie gibt es musikalisch gesehen nur wenige Herausforderungen, und somit versuchen sie die daraus resultierende Stagnation*8 mit neuen Technologien zu bekämpfen. Dies ist allerdings nur als Leadgitarrist möglich, daher möchten auch 99,7% aller Neueinsteiger nichts anderes erlernen. Nicht weil es einfacher oder eindrucksvoller ist, sondern genau das Gegenteil ist der Fall.

So gut schon nach einem Jahr auf der Gitarre zu sein, ist mehr als erstrebenswert. Wenn von anderen nichts mehr gelernt werden kann, z. B. von jenen, welche zwar nicht wissen wie "Harmonielehre" geschrieben wird, aber schon 30 Jahre länger Musik machen. Imstande sind, gelernte Tontechniker zu belehren, wie laut etwas zu sein hat. In jeder Musikrichtung sofort mitspielen und improvisieren vermögen, vor allem erst jedem und immer voller Achtung erklären, wie es wahrlich richtig gespielt wird. Jede Band sofort auf Weltstar-Niveau steigt, in der sie mitspielen.

Rundum bescheidene Götter der Musik sind.



*1) Mainstream: (oft abwertende) vorherrschende Richtung in der Musik
(nicht auf den Jazz bezogen)
*2) mutieren: (ugs.) spontan verändern
(nicht bezogen auf Stimmwechsel oder biol. Erbgutveränderung)
*3) extrovertiert: nach außen gerichtet, für äußere Einflüsse leicht empfänglich (Psychol.)
*4) egozentrisch: ichbezogen; die eigene Person als Zentrum allen Geschehens betrachtend
*5) Adonis: schöner Jüngling der griechischen Sage - schöner [junger] Mann.
*6) transzendent: die Grenzen der Erfahrung u. der sinnlich erkennbaren Welt überschreitend;
übersinnlich, übernatürlich
*7) Fetischismus: sexuelle Neigung, bei der bestimmte Körperteile od. Gegenstände, die der begehrten Person gehören, als einzige od. bevorzugte Objekte sexueller Erregung u. Befriedigung dienen (Psychol.)
*8) Stagnation: Stockung, Stauung, Stillstand.